





Ganz gleich, ob es zu warm oder zu kalt ist – mit konventioneller Raumklimatechnik muss jeweils aktiv gegengesteuert, d. h. gekühlt oder geheizt, werden. Nicht so bei der Betonkerntemperierung: Hier wird die Gebäudestruktur dazu genutzt, thermische Energie zu speichern, um sie bei Bedarf wieder freizusetzen.
Zum besseren Verständnis der Betonkerntemperierung (BKT) unterscheidet man modellhaft die Phasen „Laden“, „Speichern“ und „Entladen“:
Laden: Die Geschossdecken werden mit Wärme- oder Kälteenergie beladen, indem warmes oder kaltesWasser durch die im Bauteil integrierten Rohrregister zirkuliert. Der Wasserstrom gibt bei der Durchströmung des Rohrsystems je nach Wassertemperatur Heiz- oder Kühlleistung an die Decke ab und erwärmt bzw. kühlt diese. Der Vorgang kann durch Variation von Vorlauftemperatur, Massenstrom und Ladezeit aktiv gesteuert werden. Aufgrund der Trägheit des Systems besteht die besondere Herausforderung darin, ausreichend Wärme- bzw. Kälteenergie für die am folgenden Tag zu erwartenden thermischen Lasten im Bauteil einzulagern. Da der benötigte Wärme- bzw. Kältebedarf eines Raumes aber nicht exakt vorhersehbar ist, kommt es systembedingt zu Ladereserven und damit zu einem erhöhten Energieeinsatz. Ideal ist der Betrieb der BKT mit einem geeigneten Speichermanagement, um thermischen Mehraufwand sowie Überhitzung oder Unterkühlung der Räume zu vermeiden.
Speichern: Wie jeder thermische Speicher überbrückt die thermisch aktivierte Decke die zeitliche Differenz zwischen Energieangebot und Energiebedarf und bewirkt eine teilweise Verschiebung der thermischen Lasten in die Nachtstunden. Überschüssige Wärme, hervorgerufen durch solare Einstrahlung und Personen und Geräteabwärme (innere Lasten), werden in der Decke zwischengespeichert und bewirken einen Anstieg der mittleren Bauteiltemperatur. Mit diesem Temperaturanstieg erfolgt parallel der Anstieg der operativen Raumtemperatur, welcher jedoch durch die Speichermassen stark gedämpft wird. Ein Beispiel: Wird eine 14 cm starke Betonschicht um 2 K erwärmt oder gekühlt, so entspricht dies einer Wärme- bzw. Kältespeicherung von ca. 190 Wh/m² oder einer Leistung von 23 W/m², die 8 Stunden lang zur Verfügung steht.
Entladen: Die Raumkonditionierung erfolgt bei der BKT durch zwei parallel ablaufende Effekte: Die im Betonkern eingelagerte Wärme oder Kälte wird zu 60% über Strahlung und zu 40% über Konvektion an den Raum abgegeben. Wegen der großen Systemträgheit ist eine raumbezogene, schnelle Temperaturregelung nicht möglich. Die Entladung findet somit ohne direkte Einflussmöglichkeit des Raumnutzers vollkommen passiv statt.
Die große, Wärme übertragende Fläche der Decke ermöglicht es, bei bereits geringen Über- bzw. Untertemperaturen nennenswerte Leistungen an den Raum abzugeben. Daher können BKT-Systeme selbst die vergleichsweise geringe Temperaturdifferenz natürlicher Wärmesenken (Sommer) bzw. Wärmequellen (Winter) gegenüber der Raumtemperatur effektiv nutzen: Erdreich, Grundwasser, Außenluft. Im stationären Zustand werden Kühlleistungen von 30 bis 40 W/m² erreicht. Nach oben ist die Kühlleistung durch den Taupunkt der Raumlufttemperatur begrenzt, da sich andernfalls Tauwasser an der Decke bildet. Der Taupunkt liegt bei etwa 15°C für 26°C Raumlufttemperatur und 50% relative Luftfeuchte. Daher muss vor allem der Eintrag solarer Lasten durch einen wirksamen Sonnenschutz gemindert werden. Aufgrund der relativ „hohen“ Vorlauftemperaturen natürlicher Wärmesenken ist eine Unterschreitung des Taupunktes fast nie gegeben. Im Heizfall können Leistungsdichten von 25 bis 30 W/m² erreicht werden.
Die Rohrregister werden direkt in den Betonkern der Decken bzw. Fußböden in mäander- oder spiralförmiger Rohrschlangenführung eingegossen. Als Rohrschlangen werden Kunststoffrohre oder Mehrschichtverbundrohre aus PE und Aluminium eingesetzt. Sie haben
einen Durchmesser von 15 bis 20 mm. In Abständen von 10 bis 30 cm liegen die Rohre in mittlerer Höhe meist innerhalb der statisch neutralen Zone der Betondecke. Da die wesentliche Wärmeabgabe über die Decke (etwa 2/3) und nicht über den Boden (1/3) erfolgt, können die Rohrleitungen auch näher an den wärmewirksamen Deckenoberflächen fixiert werden, solange dies aus Gründen der Gebäudestatik machbar ist. Mit der Anordnung der Rohrschlangen und der Einbaulage im Betondeckenaufbau können unterschiedliche
Wärmeleistungen zu unterschiedlichen Zeiten gewählt werden. Da bei der BKT generell Wärme von den wasserführenden Leitungen in Richtung der Deckenoberfläche (Heizfall) bzw. in umgekehrter Richtung (Kühlfall) fließt, vermindern alle Schichten mit hohem Wärmedurchgangswiderstand die Leistungsfähigkeit, so z. B. Putze oder abgehängte Decken.
Wenn das Gebäude ausschließlich mittels Betonkerntemperierung beheizt und gekühlt werden soll, dann müssen Architektur und Gebäudetechnik bestimmten Anforderungen genügen. Denn die Leistung der BKT ist aufgrund der geringen Temperaturdifferenz zwischen dem Heiz- oder Kühlmedium und der Raumtemperatur begrenzt – trotz der großen Wärme übertragenden Flächen. Die Anforderungen im Einzelnen:
Für die BKT kann das Gebäude in Zonen unterteilt werden, um die verschiedenen Bereiche je nach Anforderung temperieren zu können. Die Zonen werden nach Orientierung, Geschoss, Nutzung oder Fassadenkonzeption eingerichtet und je nach Bedarf mit unterschiedlichenVorlauftemperaturen (3-Leiter System) und zu verschiedenen Beladezeiten versorgt. Der entsprechenden Zone wird eine Registergröße zugeordnet, ähnlich der Festlegung der Heizkörpergröße für einen Raum. Allerdings ist der Spielraum eng, weil die zur Verfügung stehende Deckenfläche beschränkt ist und der Rohrabstand in den Registern aus produktionstechnischen Gründen nicht kleiner als 10 cm sein darf. Kann die Wärme im Sommer in einzelnen Räumen nicht abgeführt werden, sind ergänzende Maßnahmen, wiezum Beispiel schnell reagierende und dezentral regelbare Kühlsegel, erforderlich.
Für die Konzeptphase gibt es zwar Planungshandbücher und einfache Auslegungshilfsmittel – doch die thermische Gebäude- und Anlagensimulation ist das wichtigste Planungsinstrument. Auf Basis der Lastverläufe für Heizung und Kühlung des Gebäudes erhält man die notwendigen Vor- und Rücklauftemperaturen und die Gesamtmassenströme an den Hauptverteilern der BKT. Parallel dazu wird erzeugungsseitig die Wärmesenke/Wärmequelle, die Anlagenhydraulik und ein einfaches Regelkonzept kalkuliert. Schließlich können mit der Simulation die Energiebilanz und der Energieverbrauch des Gebäudes in Zusammenspiel mit der Wärmesenke/Wärmequelle für unterschiedliche Varianten bzw. spezielle Planungsentscheidungen bewertet und optimiert werden.
Im Gegensatz zur Fußbodenheizung und -kühlung muss die Verlegung der Rohrleitungen bei der Betonkerntemperierung in den Ablauf der Schalungs-, Bewehrungs- und Betonierarbeiten integriert werden. Dies erfordert eine sorgfältige Planung und intensive Abstimmung mit der Tragwerksplanung, um statisch besonders hoch beanspruchte Bereiche im Umfeld von Stützen und Schächten nicht zu schwächen. Vor der Einbettung erfolgt eine Überprüfung auf Undichtheiten der Rohre mittels Sichtabnahme und Druckprüfung. Es ist auf eine sorgfältige Verlegung der Rohre zu achten, da Schäden an den Rohrregistern später nicht mehr repariert werden können. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass sich Verzögerungen im Bauablauf durch das Vorhandensein routinierter Systemanbieter und entsprechende logistische Maßnahmen vermeiden lassen.
Die Betonkerntemperierung als Heiz- und Kühlsystem dient dazu, den thermischen Komfort im Gebäude sicherzustellen. Das System leistet keinen Beitrag zur Verbesserung der Raumluftqualität oder zur Regulierung der Raumluftfeuchte. In der Regel werden die Bürogebäude mit BKT zur Sicherung des hygienischen Mindestluftwechsels während der Anwesenheit der Nutzer mechanisch be- und entlüftet, wobei die Zuluft über ein Erd-Luft-Register oder ein Erdwärmesonden-Register vorgewärmt bzw. vorgekühlt werden kann. Die Zu- und Abluftanlagen sind mit einer Wärmerückgewinnung ausgestattet, um die Lüftungswärmeverluste bzw. zusätzliche Nachheizung der Zuluft im Winter zu reduzieren.
Parallel zur Lüftungsanlage sind in der Regel öffenbare Fenster zur individuellen Fensterlüftung vorhanden. In Abhängigkeit von den klimatischen Bedingungen und der Feuchtebildung in den betreffenden Räumen kann auf eine „aktive“ Entfeuchtung der zugeführten Außenluft in der Regel ganzjährig verzichtet werden.