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Mittlere Raumtemperaturen der einzelnen Klassenräume.
© Bertha-von-Suttner-Gymnasium Neu-Ulm

Nächtliche Tiefsttemperaturen der einzelnen Klassenräume.
© Bertha-von-Suttner-Gymnasium Neu-Ulm



Ablesen der Raumlufttemperatur.
© Bertha-von-Suttner-Gymnasium Neu-Ulm
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Energiesparen als pädagogisches Projekt

(Margit Fluch, OStRin – Projektleiterin der energie-AG)
Der Energieverbrauch eines Gebäudes hängt neben Anlagentechnik und Betriebsführung auch vom Verhalten seiner Nutzer ab. Viele Schulen haben mittlerweile die Chance ergriffen, daraus ein Projekt handlungsorientierter Umweltbildung zu machen. Die unausgesprochene Voraussetzung von Projekten, die sich Energieeinsparung durch reine Verhaltensänderungen zum Ziel gesetzt haben, ist dabei, dass man die Einflussgröße Nutzerverhalten isoliert betrachten kann. („Der Sachaufwandsträger ist für die Anlage zuständig, Schüler und Lehrer für energiesparendes Verhalten und der Direktor für die Außenkontakte“). Untersuchungen der energie-AG am Bertha-von-Suttner- Gymnasium Neu-Ulm (www.energieteam-bvsg.de) belegen nun, dass eine solche Aufteilung der Verantwortungsbereiche leider nur selten möglich ist.

Die Arbeitsgemeinschaft hat eine Temperaturmessaktion zur Verteilung der Heizwärme in den Klassenräumen organisiert, an der sich fast 70 Schulen beteiligt haben. Dabei hat sich gezeigt, dass es regelmäßig zu Problemen hinsichtlich Über- bzw. Unterversorgung einzelner Räume sowie zu einer  unzulänglichen Nachtabsenkung der Raumtemperaturen kommt. Die Abb. 40 und 41 zeigen die grafischen Auswertungen einer repräsentativen Beispielschule. Das dadurch verschenkte Einsparpotenzial liegt bei ca. 30%.

Dass dieses Problem bei fast allen Schulen auftaucht, macht deutlich, dass keinem einzelnen Akteur die Schuld dafür gegeben werden kann, sondern dass es sich um ein strukturelles Problem handelt. Schuld sind Ausschreibungs- und Vergabestrukturen der öffentlichen Hand, die die Sanierungsbetriebe zwingen, überall an kostenträchtiger Qualität zu sparen, wenn sie mit ihrem Angebot zum Zug kommen wollen. Die schlechte Qualität ist somit nicht eine Folge mangelhafter Kontrolle (wie kontrolliert man z. B. bei der Abnahme die technische Leistung „Optimierung aller einschlägiger Parameter“?), sondern eine Folge mangelnder Kontrollierbarkeit vor allem systemischer Leistungen. Bei Schülern, die in vielen Räumen gar keine andere Wahl haben, als den verordneten Zwangswärmekonsum zum Fenster hinauszuheizen, greift, wenn sie kritisch sind, auf Dauer keine schulische Motivierungskampagne zu energiesparendem Verhalten. Sie wäre pädagogisch ähnlich sinnvoll, wie die Empfehlung eines Benzinsparfahrkurses für den Besitzer eines energiefressenden Autos.

Dass Anlagentechnik, Betriebsführung und Nutzerverhalten nicht isoliert angegangen werden dürfen, gilt natürlich nicht nur für die Nutzer einer Heizanlage, sondern auch für deren Betreiber: Die Sanierung einer Schule mit modernster energiesparender Anlagentechnik wäre reine Geldverschwendung, wenn die gewählte Technik weiterhin Energieverlusten durch Nutzerverhalten zu großen Raum übrig ließe. Energieeinsparungen durch Nutzerverhalten von bis zu 20% sollte nicht nur Pädagogen, sondern auch Anlagenbetreiber nachdenklich machen. Was bedeuten nun die Erkenntnisse der energie-AG für die Arbeit anderer Energiespargruppen, falls sie an ihrer Schule auf das gleiche Problem stoßen? So weitermachen wie bisher, ist dann nicht mehr möglich. Die Gruppe hat aber die Chance, ihrer Projektarbeit durch eine neue Aufgabenstellung auch neuen Schwung zu verleihen: Sie kann – mit den gewonnenen Erkenntnissen – aus einem Energieeinsparprojekt der Schüler eine Energiepartnerschaft mit dem Schulträger werden lassen. Schüler können die bei der öffentlichen Hand bisher ungelöste Qualitätskontrolle von Optimierungsmaßnahmen übernehmen. Das verlangt von ihnen – anders als das Aufspüren von Energielecks – kein Expertenwissen, das sie sowieso nie bieten könnten, sondern erfordert, wie die Messaktion der energie-AG gezeigt hat, nur sorgfältige Temperaturmessungen. Es fordert allerdings auch, die oben genannte Aufteilung der  Verantwortungsbereiche zwischen Schülern, Schulleitung und Schulträger aufzugeben und Partizipation der Schüler nicht nur dann zuzulassen, wenn sie konfliktfrei möglich scheint. Das erfordert Mut von allen Beteiligten, insbesondere vom Schulträger und von der Schulleitung. Dass es gelingen kann und sich für alle Beteiligten lohnt, können die energie-AG und die vielen Schulen, die aus der Temperaturmessaktion ein pädagogisches Projekt gemacht haben, bestätigen.
www.energieteam-bvsg.de
Hier finden sich eine Fülle von Informationen der energie-AG zu diesem und weiteren Projekten in Bayern. Die AG hat sich inzwischen über ihren ursprünglichen schulischen Kontext weiterentwickelt und wurde bereits mehrfach ausgezeichnet.

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