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Das Anlagenkonzept sowie der Aufbau des Fernwärmenetzes und die Vermarktungsstruktur haben sich bewährt.
© Geothermie Unterhaching
Geothermieanlage Unterhaching feiert 10-jähriges Jubiläum
09.10.2012

40 Prozent auf lokalem Wärmemarkt erreicht

Die Geothermieanlage Unterhaching, eines der erfolgreichsten Erdwärmeprojekte in Deutschland, feiert am 20. Oktober 2012 ihr 10-jähriges Jubiläum mit einem Tag der offenen Tür. Die Anlage speist ein örtliches Wärmenetz und die Restwärme wird verstromt. Hierbei kommt ein spezielles Kraftwerksverfahren zum Einsatz, das Kalina-Verfahren. Geschäftsführer Wolfgang Geisinger äußert sich im BINE-Interview zu einem Jahrzehnt Erfahrungen mit Anlage, Technik und Komponenten sowie dem örtlichen Wärmemarkt.

Die Anlage nutzt in circa 3.500 m Tiefe zu findende Warmwasservorkommen mit 122 °C und einer Schüttung von 150 Litern pro Minute. Nach fünfjähriger Bauzeit startete 2007 die Geothermieanlage, für die insgesamt 90 Millionen Euro investiert wurden, mit Fernwärme. Seit 2009 liefert die Anlage auch Strom. In Unterhaching umfasst das Wärmenetz mittlerweile eine Länge von 38,4 km mit einem thermischen Anschlusswert von circa 51 MW. Die Geothermie in Unterhaching GmbH & Co. KG ist eine Gesellschaft im Alleinbesitz der Gemeinde Unterhaching. Im Jahr 2011 hat die Anlage rund 73,3 Millionen kWh Wärme und 7,6 Millionen kWh Strom produziert. Dadurch wurden etwa 24.000 Tonnen CO2 eingespart.

BINE Informationsdienst: Herr Geisinger, wenn Sie auf das erste Jahrzehnt „Geothermie Unterhaching“ zurückblicken, was macht Sie zufrieden?

Geisinger: Der Zuspruch der Bürger zu dieser Form der regionalen Energieerzeugung und -versorgung ist beeindruckend. Innerhalb von fünf Jahren nach Produktionsstart 40 Prozent Marktanteil bei der Wärmeversorgung von Unterhaching zu erreichen, hatte uns niemand zugetraut.

Was würden Sie rückblickend anders machen?

Geisinger: Gar nicht so viel, denn zum Beispiel die Kommunikation nach außen, die geologische Beratung und Umsetzung in traumhafte Fündigkeitswerte, der Aufbau des Fernwärmenetzes und die Vermarktungsstruktur sind bis heute ganz hervorragend gelaufen. Die innovative Kalina-Technologie zur Stromerzeugung war ein volles Risiko; da haben wir viel Lehrgeld gezahlt. Hier hätten wir uns besser aufstellen müssen.

Hat sich die eingesetzte Technik bisher bewährt? Gab es andere, gravierende Probleme mit der Anlage?

Geisinger: Mit der Kalina-Technik haben wir ein Verfahren gewählt, das zwar prozesstechnisch bestens funktioniert, aber wir sind hier teilweise immer noch auf der Suche nach Komponenten, die im Einsatz über mehrere Jahre stabil halten. Ähnlich sieht es aus bei der Technologie der Thermalwasserpumpen. Die Bedingungen im heißen Thermalwasser sind für alle Anbieter neu und die Innovation geht hier nur schrittweise voran. Über alles gesehen nähern wir uns aber deutlich den Verfügbarkeitserwartungen an eine Grundlasttechnologie an.

Wie sind denn Ihre konkreten Erfahrungen mit Kalina?

Geisinger: Die Leistungsausbeute entspricht den Berechnungen, die Prozess- und Regelqualität ist einwandfrei. Im Moment werfen uns manchmal noch Komponenten etwas aus der Bahn, die unsere Erwartungen an übliche Standzeiten nicht entsprechen.

Hat sich die Anlage Unterhaching bislang für die Betreiber gerechnet?

Geisinger: Wir sind weiterhin auf dem Kurs zur geplanten Amortisation der Anlage innerhalb von 16 Jahren nach voller Funktionsfähigkeit, welche im Jahr 2009 erreicht wurde. Aber es gab da durchaus gute und weniger gute Jahre.

Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis für die gute Akzeptanz der geothermischen Fernwärme bei den Bürgern in Unterhaching?

Geisinger: Offene und umfassende Kommunikation auf verschiedensten Wegen, die positive Dienstleistungsmentalität aller Mitarbeiter und die 100-prozentige Einbindung in die Gemeinde durch die Gesellschafterstruktur sorgte für Akzeptanz bei den Bürgern.

Können Besucher die Anlage besichtigen?

Geisinger: Selbstverständlich, wir bieten ständig Führungen an. In den letzten zehn Jahren waren über 10.000 Besucher aus mehr als 25 Nationen auf unserer Anlage zu Gast.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Geisinger: Im Moment gründen wir gerade einen Wärmeverbund mit unserer Nachbargemeinde Grünwald, die ebenfalls über eine Geothermiebohrung und ein eigenes Fernwärmenetz verfügt, indem wir die beiden Fernwärmenetze mit Transportleitungen verbinden. Weiterhin haben wir derzeit drei Forschungsprogramme mit dem Bundesumweltministerium laufen, in denen zum Beispiel weitere Chancen zur Ausnutzung der Thermalwasserenergie oder die Steigerungen von Förderraten des Thermalwassers durch neue Technikkomponenten getestet werden. Schlussendlich wollen wir durch unseren internationalen Bekanntheitsgrad in der Branche die Chance nutzen, den Dialog durch gezielte Veranstaltungen in Unterhaching zu intensivieren. Jeder in der Branche weiß, dass Unterhaching bei der Entwicklung der Tiefengeothermie auf den heutigen Stand bereits eine wichtige Rolle gespielt hat. Wir werden alles daran setzen, dass aus Unterhaching weiterhin wesentliche Impulse für Innovationen und eine höhere Zuverlässigkeit dieser Form der erneuerbaren Energien kommen.

(mi)

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Foto Wolfgang Geisinger

Wolfgang Geisinger, geb. 1962, ist seit 2008 Geschäftsführer der Geothermie Unterhaching GmbH & Co KG. Er ist gelernter Industriekaufmann und war zuvor mehr als 26 Jahre bei der Siemens AG in verschiedensten Aufgaben, sowohl national wie auch international tätig. Nebenbei ist er Vorsitzender einer lokalen Bürgerenergiegenossenschaft und Mitglied in regionalen Expertenkreisen im Bereich der Energieerzeugung.

Downloads und Links

Eine aktuelle Informationsbroschüre zum 10-jährigen Jubiläum findet sich auf der Webseite der Geothermie Unterhaching.

Tag der offenen Tür ist am Samstag, 20. Oktober 2012 von 10 bis 16 Uhr.

Mehr von BINE

Das BINE-Projektinfo „Geothermische Stromerzeugung im Verbund mit Wärmenetz“ (10/09) stellt die Anlage Unterhaching ausführlicher vor.